Das T-Shirt

Nach einer ziemlich langen und schlaflosen Nacht wachte ich mit mächtigen Kopfschmerzen auf. Ich hatte es nicht einmal geschafft mich umzuziehen, als ich gestern nach Hause kam – so betrunken war ich. Ist ja nicht so als wäre etwas passiert, an das es sich zu Erinnern lohnen würde. Folglich lag ich sehr benommen in meinem Bett, mit meinem neuen lieblings T-shirt mit dem Aufdruck „Single“. Ganz alleine. Single eben.

Das Shirt war das ultimative Highlight letzte Nacht und ist ein ziemlicher Idiotenmagnet. Ich konnte mich vor Avancen kaum noch halten. Hat mich doch tatsächlich ein alter betrunkener Sack mit dem Spruch “Puppe du siehst ziemlich lecker aus!” angemacht. Warum wollte ich das Shirt nochmal kaufen? Hätte ich das gewusst, hätte ich es sicher im Shop verotten lassen… aber es war ein Schnäppchen. Da musste ich zuschlagen (übrigens hätte ich das bei dem charmanten Gentleman auch am Liebsten gemacht, es hätte mich dann aber wesentlich mehr gekostet, vor allem Überwindung).

Stattdessen sagte ich doch tatsächlich: „Aha… Ähm… ja danke“. Oh Gott wie peinlich. Dann drehte ich mich hastig und hilfesuchend zu meiner Freundin um, „Was sagst du dazu Anna?“. Anna ist meine engste Vertraute, in wirklich allen Lebenslagen. Wir teilen alles miteinander. Nur mein Geschenk zu ihrem Geburtstag wollte sie nicht, was mich doch etwas verletzt hat, aber nun gut. Wenn sie keinen zärtlichen Zungenkuss von mir haben will, dann ist das ihr Pech, nicht meins (!) und da sie das Geschenk – undankbarerweise – nicht angenommen hat, bin ich auch nicht dazu verpflichtet ein Ersatzgeschenk zu Organisieren. Mir würde ohnehin nichts einfallen.

Wozu?“ fragte Anna. Der Herr fragte mich gerade, ob es ‘als Kompliment gilt’ wenn er sagt, dass ich sehr lecker aussehe.“

Oh Gott, was für eine Diskussion! Kann denn der alte Mann nicht einfach verschwinden? Und wo zum Teufel sind meine Mafiafreunde, wenn ich sie brauche?

„Na also ich finde das eher verstörend.“ sagte sie und starrte den Alten Mann dabei mit einem leeren Gesichtsausdruck an, während sie an ihrem Glas Gelben Muskateller nippte.

Ach, dafür Liebe ich sie einfach (auf eine freundschaftliche Art und Weise versteht sich). Für diese natürliche, unverfrorene Art. UND um mal eines klarzustellen: ich hätte das dem Herrn bestimmt auch gesagt, wenn ich nur ein wenig schlagfertiger wäre. Ich kann schon durchaus schlagfertig sein, nur eben leider nicht in den ausschlaggebenden Momenten. Daran muss ich definitiv noch arbeiten, aber Sie kennen das sicher, wenn Ihnen der passende Spruch auf der Zunge liegt, aber erst drei Stunden später aus ihnen heraussprudelt. …der arme Kerl vom Dönerstand hat sich ziemlich was anhören müssen…

Bevor der Alte noch mehr Unsinn von sich geben konnte kam die Kellnerin und vertrieb ihn wieder zu seiner Pokerrunde. Die Dauer vom Stoßgebet bis zu dessen Erhörung lag also bei einer Minute und 43 Sekunden, was definitiv einen neuen Rekord darstellte. Mal ganz ehrlich, wer braucht schon die Mafia, wenn er Gott und eine Schläger-Kellnerin an seiner Seite hat? Diese haben mich zumindest nicht im Stich gelassen. Ich zog das T-Shirt aus und griff zur Schere. Ich wollte es bestrafen und in tausende Teile zerschneiden, bis mir plötzlich bewusst wurde, dass nicht mein Single bedrucktes Shirt an dem Attentat an meiner Person schuld war, sondern… meine Mutter.

Ganz genau, meine Mutter! Sie ist es die mich zu einem wandelnden Idiotenmagneten gemacht hat. Denn immerhin hat sie mir diese tollen Gene, mein wundervolles Aussehen und auch meinen großen Busen, vererbt. Eine Last die oft untragbar zu sein scheint. Als ob das nicht schlimm genug wäre – NEIN, sie musste mich auch noch mit kurzen Stummelbeinen bestrafen.

Das war schon immer ein großes Streitthema zwischen uns beiden, denn Sie müssen sich vorstellen, meine Mutter ist eine wunderschöne, schlanke, groß gewachsene Frau und ich? Ich muss mit kurzen Beinen durchs Leben stampfen. Als ich aufhörte zu wachsen, hatten wir eine schlimme Auseinandersetzung deswegen. Welche mit einer Anzeige zwecks Körperverletzung, einer Reise nach Polen und zwei gebrochenen Beinen endete. Schluss endlich war ich dann genauso klein wie vorher, aber die Richter entschieden zumindest für mich, und meine Mutter musste die Kosten der Beinverlängerung übernehmen. Mittlerweile haben wir wieder ein sehr gutes Verhältnis zu einander. Ich meine, wie furchtbar das alles auch für mich war, sie ist ja schließlich meine Mutter. Da kann ich einfach nicht lange böse sein und Familie kann man sich nun mal nicht aussuchen.

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